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Ratgeber für Eltern und Bezugspersonen,
die lerngestörten Kindern helfen wollen
Eine folgenschwere Fehleinschätzung
Leider kann es auch heutzutage noch vorkommen,
dass lerngestörte Kinder für minderbegabt gehalten
werden. Dies gilt insbesondere für Legastheniker:

In unserem Kulturkreis wird von einer mangelnden Lese- und Rechtschreibfähigkeit nur zu leicht auf mangelnde Intelligenz geschlossen. Dabei sind viele Legastheniker sonst normal begabt, manche von ihnen sogar überdurchschnittlich intelligent. Weil sich die Legastheniker ihres Defizits bewusst sind, setzen sie Vermeidungsstrategien in Gang, die verhindern sollen, dass ihre Schwäche entdeckt wird. Das kostet viel Kraft und kann zu Verhaltensstörungen führen, die sie unter Umständen zu Außenseitern machen.
Bei entsprechender Förderung können sich legasthenische Kinder auf allen Gebieten, die nicht Lesen und Schreiben erfordern, voll entfalten. So gilt es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, ihre Ausbildungsziele erreichen und eine erfolgreiche Laufbahn einschlagen. Legastheniker gibt es in fast allen Berufen.
Die Weichen werden in der frühen Kindheit gestellt.
Alles hängt davon ab, wie Eltern, Lehrer und andere
Bezugspersonen auf die Tatsache reagieren, dass ein
Kind trotz normalen Schulbesuchs und normaler Intelligenz
nicht die in seiner Altersgruppe erwarteten
Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben erreicht.
Bei der Beurteilung der schulischen Leistungen müssen andere Maßstäbe angelegt werden:
• In den Fächern, in denen die Lese- und
Rechtschreibleistung eine besondere Rolle
spielt, muss man den Kindern mehr Zeit geben
und ihre mündlichen Leistungen stärker
gewichten.
• Fächer mit geringeren Anforderungen an Lesen
und Schreiben sind stärker zu gewichten.
Es muss sichergestellt sein, dass lerngestörte Kinder nicht zusätzlichen, vermeidbaren Belastungen ausgesetzt sind – etwa durch eine unkorrigierte Schwerhörigkeit oder Fehlsichtigkeit.
Wenn ein Kind sein übriges Leistungsniveau bei
einzelnen schulischen Fähigkeiten wesentlich unterschreitet,
spricht man von einer Teilleistungsstörung.
Eines der bekanntesten Beispiele ist die Lese-
Rechtschreibstörung (LRS).
Unter diesem Oberbegriff werden alle Störungen zusammengefasst, die das Erlernen des Lesens und des Rechtschreibens erschweren. Eingeschlossen sind zum Beispiel Störungen infolge von Sehschwäche, Schwerhörigkeit, geistiger Behinderung und unzureichendem Unterricht.
Die Legasthenie ist eine umschriebene Lese-
Rechtschreibstörung, die weder auf eine Seh- oder
Hörstörung noch auf eine allgemeine Beeinträchtigung
der geistigen Entwicklung oder auf unzureichenden
Unterricht zurückgeführt werden kann.
Wie erklärt man sich die Legasthenie?
Die Ursache der Legasthenie ist noch nicht vollständig
geklärt; sicher ist jedoch, dass die von Auge
und Ohr aufgenommenen Informationen im Gehirn
nicht richtig verarbeitet werden. Im ist der über das Auge verlaufende Informationsweg
stark vereinfacht dargestellt:
| Auge | Gehirn |
| Bildaufnahme Informationsfilterung |
Bildverarbeitung Verschmelzung der Bilder beider Augen Bildwahrnehmung Einordnung und Speicherung Koordination Koordination beider Augen Auge-Hand-Koordination |
Ob es sich um eine Störung der Bildaufnahme im Auge oder der Verarbeitung im Gehirn handelt, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben gleichen einander. Daher ist eine Legasthenie von einer anderen Lese-Rechtschreibstörung nicht ohne weiteres zu unterscheiden. Da aber jede der beiden Störungen unterschiedliche Hilfsmaßnahmen erfordert, muss eine umfassende augenärztliche Untersuchung Klarheit schaffen, wo der Fehler liegt. Dabei kann sich zum Beispiel auch herausstellen, dass sowohl ein ausgleichbarer Bildaufnahmefehler als auch eine schlecht beeinflussbare Verarbeitungsstörung im Gehirn vorliegen.
Der Augenarzt untersucht – oft in Zusammenarbeit
mit einer Orthoptistin – die Sehschärfe, die Stellung
und Beweglichkeit der Augen, die beidäugige Zusammenarbeit,
die Naheinstellung und den optischen
Brechungszustand der Augen. Dabei gilt es, Krankheiten
auszuschließen und zu klären, ob eine Fehlsichtigkeit
vorliegt, die korrigiert werden muss.
Bei der Einschulung sind mehr als 90 Prozent der
Kinder übersichtig. Um in der Ferne scharf sehen zu
können, müssen Übersichtige die Naheinstellung der
Augen zu Hilfe nehmen. Dies kann zu latentem (verborgenem)
Innenschielen mit Anstrengungsbeschwerden
beim Sehen führen, insbesondere bei langem Lesen.
Nach Korrektion der Übersichtigkeit mit einer Brille verschwindet
der zu starke Naheinstellungsimpuls und
damit meist auch das latente Schielen.
Um das Ausmaß einer Übersichtigkeit exakt zu bestimmen, muss die Fähigkeit der Augenlinse zur Naheinstellung kurzzeitig ausgeschaltet werden. Dies geschieht durch Augentropfen, die eine Entspannung der inneren Augenmuskulatur bewirken. Diese Tropfen dürfen nur bei medizinischer Indikation angewandt werden und sind daher dem Augenarzt vorbehalten. Da die Tropfen auch die Pupillen erweitern, kann der Augenarzt zusätzlich leicht feststellen, ob eine Veränderung an der Netzhaut oder dem Sehnervenkopf vorliegt oder ob dessen Aussehen auf eine Hirnerkrankung hinweist.
Nicht immer ist eine Brillenkorrektion
sinnvoll, Prismengläser sind
es nur selten
Fast kein Augenpaar ist perfekt.
In etwa 80 Prozent der Fälle findet
man eine Fehlsichtigkeit. Unterbricht
man die beidäugige Sehweise
bei der Untersuchung, können
die Augen als Zeichen latenten Schielens
von der richtigen Stellung abweichen. Fehlsichtigkeit
und latentes Schielen sind meist aber nur gering
und führen nur dann zu Anstrengungsbeschwerden
beim Sehen, wenn die natürlichen Ausgleichsmechanismen
überfordert sind. Dabei ist die Belastbarkeit von
Kind zu Kind sehr unterschiedlich.
Anstrengungsbeschwerden sind vieldeutig. Herauszufinden, ob sie durch eine Fehlsichtigkeit oder Fehlstellung der Augen bedingt sind und ob sie mit einer Brille behandelt werden können, ist daher eine schwierige ärztliche Aufgabe.
Prismen greifen in den vom Gehirn gesteuerten Regelkreis zur Ausrichtung beider Augen auf das angeschaute Objekt ein. Sie sollten nur verordnet werden, wenn sie nach dem Ergebnis der augenärztlichen Untersuchung sinnvoll erscheinen und der Patient die Prismengläser gegenüber einer Korrektion ohne Prismen deutlich bevorzugt. Entscheidend ist dabei, dass er die Prismen zur Probe unter natürlichen Sehbedingungen trägt, nicht nur in einer künstlichen Testsituation.
Mit der Korrektion aller durch die Augen bedingten
Störungen schafft man die Voraussetzung dafür, dass
sich die Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung
besser auf die Bewältigung ihrer Schwierigkeiten
konzentrieren können.
Wichtig zu wissen:
Wenn die Lese-Rechtschreibstörung
durch Brillenkorrektion verschwindet, handelt
es sich nicht um eine Legasthenie, sondern um eine
rein durch die Augen bedingte Störung. Eine Verarbeitungsstörung
des Gehirns wie die Legasthenie kann
durch keine Brille behoben werden. Wenn allerdings
zusätzlich augenbedingte Störungen vorliegen, kann
eine entsprechende Brille die Schwierigkeiten mindern.
Die Legasthenie bleibt lebenslang bestehen, sie kann
durch spezielle Übungen nur abgemildert werden.
Die Erfahrung lehrt, dass bei den betroffenen
Kindern häufig neben Sehstörungen auch Hör- und
psychische Störungen vorkommen. Daher hat sich eine
enge Zusammenarbeit von Augenärzten und Orthoptistinnen
mit Kinderärzten, auf Kinder spezialisierten
Ohrenärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern, Psychologen,
Logopäden und Ergotherapeuten bewährt. Nach
Versorgung mit einer eventuell notwendigen Seh- oder
Hörhilfe empfiehlt sich eine Übungsbehandlung, die auf
die Defizite des einzelnen Kindes zugeschnitten sein
muss.
Die Therapie der Legasthenie ist mühsam, und immer
wieder erleben die Kinder Misserfolge. Um trotzdem
weiter zu arbeiten und den Mut nicht zu verlieren,
müssen sie spüren, dass sie von ihren Eltern, ihren
Lehrern und anderen Bezugspersonen angenommen
werden. Zu den wichtigsten Anliegen der Therapie
gehört der Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins.
Darum sollten musische, sportliche oder handwerkliche
Begabungen frühzeitig erkannt und intensiv
gefördert werden. So werden dem Kind Bereiche
eröffnet, in denen Lernen Lust statt Frust bedeutet und
in denen es Erfolge erleben kann. Häufig ist der Rat
eines Psychologen oder Psychotherapeuten hilfreich
und der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe empfehlenswert.
Prof. Fischer hat herausgefunden, dass Legastheniker
bei Blickaufgaben am Bildschirm – insbesondere
bei der ”Antisakkaden-Aufgabe” – allmählich
sicherer werden, wenn sie an dem von ihm konstruierten
”FixTrain”-Gerät üben. Außerdem hat er
beobachtet, dass einige Kinder nach diesem Blicktraining
besser lesen als vorher. Ungeklärt ist allerdings, ob
es sich dabei um eine spezifische Wirkung handelt oder
um eine unspezifische – zum Beispiel die Folge vermehrter
Zuwendung der Erzieher. Es stellt sich daher
die Frage, ob die Zeit, die ein legasthenisches Kind am
”FixTrain” verbringt, nicht effektiver eingesetzt werden
kann.
Diese Methode wird mit der Beobachtung begründet,
dass viele Legastheniker beide Augen gleichwertig
benutzen und kein Führungsauge haben. Um die Dominanz
eines Auges zu erreichen, empfehlen einige
Legasthenie-Therapeuten die Abdeckung des anderen
Auges über 6 bis 24 Monate. Es erscheint jedoch
höchst fragwürdig, ob die Dominanz eines Auges für
das Lesen wichtig ist. Ferner ist einzuwenden, dass das
langfristige Abdecken eines Auges zum Schielen und
unnötigerweise zu Operationen
führen kann.
Die in den USA als
„educational psychologist“
arbeitende Helen
Irlen beschrieb 1983 ein
”Scotopic-Sensitivity-
Syndrome”,
bei dem eine
Überempfindlichkeit
gegen
bestimmte Anteile
des Lichtspektrums
zu Sehstörungen
führen
sollen.
Prismengläser, bestimmt mit der Mess- und Korrektionsmethodik
nach Hans-Joachim Haase (MKH)
Mit der MKH soll die sogenannte Winkelfehlsichtigkeit
korrigiert werden. Dieser Begriff kann leicht
missverstanden werden: Es handelt sich nicht um eine
primär vorhandene Fehlsichtigkeit, die etwa mit der
Kurzsichtigkeit vergleichbar wäre. Vielmehr handelt es
sich bei der ”Winkelfehlsichtigkeit” um eine Abweichung
der Augen von der richtigen Stellung zueinander,
die erst durch Vorsetzen von Prismengläsern bei der
MKH zustande kommt. Diese durch Prismen erreichte
Abweichung soll angeblich einer „Ruhestellung“ entsprechen.
Daher sei es mit diesen Prismen möglich,
Ermüdungserscheinungen beim Sehen und damit auch
die Lese-Rechtschreibstörung zu bessern. Deshalb
wird von Anwendern der MKH häufig eine Brille mit Prismengläsern
empfohlen. Gelegentlich werden die Prismen
im Lauf der Zeit schrittweise so weit verstärkt, dass
beim Abnehmen der Brille eine Schielstellung verbleibt
und Doppelbilder wahrgenommen werden. Dies kann
dazu führen, dass zu einer Schieloperation geraten wird.
Exakte Messungen der Augenstellung haben gezeigt, dass die MKH der wissenschaftlichen Begründung entbehrt. Eine über Placebo hinausgehende Wirkung der MKH ist nicht belegt.
Mit Diagnostik und Therapie der Legasthenie befasst
sich auch Burkhart Fischer, Professor für Neurobiophysik
an dem vom ihm gegründeten Freiburger
”Blicklabor”. Sein Trainingsprogramm basiert insbesondere
auf einem Befund, den er bei der sogenannten
”Antisakkaden-Aufgabe” erhoben hat. Diese Aufgabe
besteht darin, ein auf einem Monitor auftauchendes
Objekt nicht anzusehen, sondern bewusst in die Gegenrichtung
zu blicken. Das gelingt Legasthenikern
weniger gut als Nicht-Legasthenikern. Es ist jedoch
fraglich, ob die ”Antisakkaden-Aufgabe” einem Problem
entspricht, das bei der Legasthenie eine Rolle
spielt. Flüssiges Lesen setzt nicht voraus, dass man mit
dem Blick bestimmte Textstellen trifft. Auch normal
Lesende richten ihre Blicksprünge nicht auf feste
Zielpunkte: Weder landet ihr Blick auf bestimmten
Wörtern noch innerhalb der Wörter an bestimmten
Stellen.
zu Verformungen, sich bewegenden Buchstaben und
Überstrahlungen, die zu einer LRS führen könnten. Helen
Irlen empfiehlt, die störenden Anteile des Lichtspektrums
mit Hilfe farbiger Brillengläser oder auf den
Lesetext gelegter Folien herauszufiltern. Dabei müsse
für jede einzelne Person die günstigste Farbtönung unter
mehr als hundert Varianten herausgefunden werden.
Ein Wirksamkeitsnachweis, der wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde, ist bisher nicht erbracht worden. Erfolgsberichte beruhen wahrscheinlich auf einem unspezifischen Placebo-Effekt, hervorgerufen durch intensive Zuwendung des Trainers beim Aussuchen der ”Lieblingsfarbe” des Kindes.
Die sogenannte
Rasterbrille enthält statt
Gläser zwei schwarze
Plastikscheiben, die in
einem Gittermuster
(„Raster“) mit winzigen
Löchern durchbohrt
sind. Die Rasterbrille
wird unter der Vorstellung
empfohlen, dass ein „Starren“
vermieden werde, bei
dem anstelle vieler kleiner
Blicksprünge nur wenige
große gemacht würden. Dies
könne zu Anstrengungsbeschwerden
und Fehlsichtigkeit
führen. Durch die dichte
Anordnung der Löcher
werde das
„richtige“ Sehen
mit vielen
kleinen Blicksprüngen
trainiert.
Tatsächlich sehen Kurz- oder Weitsichtige mit der Rasterbrille schärfer als mit bloßem Auge. Dies beruht allerdings nicht auf einer Verkleinerung der Blicksprünge, sondern auf einer Vergrößerung der Schärfentiefe, vergleichbar dem Effekt einer kleinen Blende in einem Fotoapparat.
Die Behauptung, dass die Rasterbrille eine Verschlechterung der Kurz- oder Weitsichtigkeit verhindern könne, ist jedoch nicht belegt. Von der Rasterbrille ist abzuraten, da sie verdunkelt. Außerdem stört das Raster die Verschmelzung der Bilder beider Augen. Dadurch können Kinder mit einer Veranlagung zum verborgenen Schielen in ein dauerhaftes Schielen gedrängt werden. Fehlsichtigen sollte besser mit Brillengläsern oder Kontaktlinsen zu scharfem Sehen verholfen werden und nicht mit einer Rasterbrille, die zu allen anderen Nachteilen auch noch erheblich entstellt.
Nur eine umfassende augenärztliche
Analyse des gesamten Sehvermögens mit
einer Reihe von subjektiven und objektiven
Testmethoden kann Klarheit über die Ursache
einer Lese-Rechtschreibstörung
bringen. Ungezieltes Therapieren in
Unkenntnis vieler Aspekte und auch
des Gesundheitszustandes der
Kinder kann zwar zunächst vereinzelt
erfolgreich scheinen, wird aber der
Gesamtproblematik nicht gerecht.
Augenärzte und Orthoptistinnen erreichen
in Kooperation mit Ärzten
anderer Fachrichtungen, mit Psychologen,
Ergotherapeuten und
Logopäden für die Kinder am
meisten.
Quellenangaben finden sich auf der Website des
Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands e.V.
unter: http://www.augeninfo.de/patinfo/legast.htm
Auskunft über Selbsthilfegruppen:
Bundesverband Legasthenie e.V.
Königstr. 32,
D- 30175 Hannover,
Tel.: 0511 318738
Fax: 0511 318739
www.legasthenie.net und
www.legasthenie.net/leg-definition.html
Herausgeber dieser Informationsschrift:

BVA
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V.
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