Schielen: erkennen und behandeln

Schielen ist eine häufige Erkrankung.
Etwa 5 Prozent aller Menschen sind hiervon betroffen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Krankheiten tut Schielen nicht weh. Meist ist nur die kosmetische Entstellung auffällig. Dennoch ist das Schielen eine ernst zu nehmende Erkrankung. Unbehandelt bekommen 80 bis 90 Prozent aller Schieler eine Sehschwäche (Amblyopie). Sichtbares Schielen entstellt ein Gesicht. Es erschwert den mitmenschlichen Kontakt und verunsichert sowohl den Betroffenen wie seinen Gegenüber. Dadurch können sich schwerwiegende Beeinträchtigungen der seelischen Entwicklung und der Entfaltung der Persönlichkeit ergeben.
Eine erfolgreiche Behandlung des Stellungsfehlers ist in jedem Lebensalter möglich, wohingegen die Amblyopie nur bis zu einem Alter von etwa 4 bis 7 Jahren erfolgreich behandelt werden kann. Die Schielbehandlung kommt in etwa der Hälfte der Fälle ohne eine Operation aus. Wegen der begrenzten Zeitspanne für die Amblyopiebehandlung ist ein möglichst frühzeitiger Beginn der Therapie sinnvoll und erforderlich.
Von der Stellung unterscheidet man das Innenschielen (Strabismus convergens) und das Außenschielen (Strabismus divergens). Von der Winkelgröße unterscheidet man das Kleinwinkelschielen (Mikrostrabismus) und das Großwinkelschielen (Makrostrabismus). Schieler mit einem Mikrostrabismus können eine qualitativ befriedigende beidäugige Zusammenarbeit (Binokularsehen) entwickeln, die sogar räumliches Sehen erlaubt. Bei Schielwinkeln über 5° ist kein Binokularsehen möglich.
  




Innenschielen
ca. +20 Grad



Innenschielen
ca. +40 Grad


Außenschielen
 ca. -40 Grad

Binokularsehen


Augenbewegungen dienen dazu, beide Augen auf das Sehobjekt zu richten. Die Augen und das Gehirn haben dann die Aufgabe, die zwei wahrgenommenen Bilder so zu verarbeiten, dass ein beidäugiger (binokularer) Seheindruck entsteht. Binokularsehen ist der Überbegriff für jede Art beidäugigen Sehens, also für normales und anomales beidäugiges Sehen. Seine drei Qualitätsstufen sind:
1. Simultansehen
2. Fusion
3. Stereosehen

Binokularsehen setzt voraus, dass Bildeindrücke beider Augen gleichzeitig wahrgenommen werden (Simultansehen).
Ist das Gehirn darüber hinaus in der Lage, die Bildeindrücke beider Augen zu einem einzigen Bild zu verschmelzen, so spricht man von Fusion.
Die höchste Stufe des Binokularsehens, die Fähigkeit zur dreidimensionalen Wahrnehmung, ist die Stereopsis.
In der Praxis gibt es allerdings keine sauber voneinander getrennten Qualitätstufen des Binokularsehens. Stattdessen sind die Übergänge fließend. Es kommt zum Beispiel häufig bei Schielenden vor, dass die zentralen Bildbereiche nicht fusioniert werden, wohl aber die peripheren. Außerdem kann es sein, dass zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gutes Binokularsehen besteht, abhängig vor allem von der Augenstellung.

Therapieziele der Schielbehandlung

Das erste Ziel der Schielbehandlung ist die Beseitigung der Amblyopie.  Dies geschieht meistens durch eine Abdeckbehandlung. Zuvor muss ein Brechungsfehler mit einer Brille (selten einer Kontaktlinse) ausgeglichen werden, damit auf der Netzhaut ein scharfes Bild entsteht. Bei Schielern ist es möglich, 80 bis 90 Prozent der Amblyopien zu einer guten Sehschärfe zu bekommen, wenn rechtzeitig mit der Therapie begonnen wird.
Bei anderen Amblyopieursachen sind die Aussichten sogar noch besser.
Das zweite Ziel der Schielbehandlung ist die Beseitigung eines Stellungsfehlers. Immer wenn der Schielwinkel im Makrobereich  liegt, das heißt größer ist als 5°, sollte er durch eine Operation in den Mikrobereich gebracht werden. Amblyopiebeseitigung und Stellungskorrektur sind Voraussetzungen für ein gutes Binokularsehen (siehe oben.

Einige Informationen zur Amblyopie (Sehschwäche)


Die Amblyopie ist die häufigste Augenerkrankung im Kindesalter. Fünf Prozent aller Kinder sind betroffen. Es handelt sich dabei um eine Verminderung der Sehfähigkeit, die nicht durch eine krankhafte Veränderung des betroffenen Auges bedingt ist, sondern ihre Ursache in fehlender Übung des Auges hat. Wenn ein Schielen vorliegt, sind beide Augen nicht auf das gleiche Sehobjekt ausgerichtet. Das führt zu zwei unterschiedlichen Bildern und damit zum Doppeltsehen. Das kindliche Gehirn ist jedoch noch so plastisch, dass es diesen unangenehmen Zustand beseitigen kann. Die Information des schielenden Auges werden im Gehirn  unterdrückt (Suppression). Hält dieser Zustand länger an, entsteht eine Amblyopie. Das heißt, das schielende Auge, das eigentlich die Fähigkeit zu voller Sehschärfe hatte, besitzt keine gute Sehschärfe mehr, auch wenn das andere Auge zugehalten wird.
Eine Amblyopie kann nicht entstehen, wenn Kinder wechselseitig schielen, also genauso viel Zeit mit dem rechten wie mit dem linken Auge fixieren. Die Bildunterdrückung (Suppression) funktioniert dann wechselseitig und das Gehirn kann die Informationen beider Augen gut verarbeiten, wenn auch nicht gleichzeitig, Durch die Abdeck- oder Okklusionsbehandlung wird ein einseitiger Schieler zwangsweise zu einem wechselseitigen und das Gehirn lernt auch wieder die Bilder des Schielauges richtig zu verarbeiten.
Neben dem einseitigen Schielen gibt es noch andere häufige Auslöser für eine Amblyopie:

  1. Einseitige Übersichtigkeit eines Auges oder unterschiedlich hohe Übersichtigkeit beider Augen.
  2. Stärkere Kurzsichtigkeit eines Auges
  3. Trübungen der Hornhaut eines Auges
  4. Trübungen der Augenlinse (Katarakt).
  5. Selten gibt es auch eine beidseitige Amblyopie bei hoher Übersichtigkeit oder starkem Astigmatismus beider Augen
  6. Von relativer Amblyopie spricht man, wenn ein Organfehler eine leichte Sehschwäche erwarten lässt, die sich durch das erwähnte Entwicklungsdefizit zu einer starken Sehschwäche verstärkt hat. Der relative Anteil ist je nach Alter therapierbar.

Man erkennt, dass eine Amblyopie immer dann entsteht, wenn ein Auge gegenüber dem anderen benachteiligt ist, beziehungsweise ein schlechteres Bild liefert, das vom Gehirn nicht mehr mit dem Bild des gesunden Auges komplett verschmolzen werden kann. Bei der beidseitigen Amblyopie sind die Netzhautbilder beider Augen so unscharf, dass sich keine qualitätvolle Bildverarbeitung im Gehirn entwickeln kann. Bei der Amblyopie handelt es sich um ein Entwicklungsdefizit, welches nur bis zu einem gewissen Alter (ca. 4 – 7 Jahre, je nach Amblyopieursache) beseitigt werden kann.